Philosophie und Digitalität

Jonathan Geiger & Jörg Noller

Computer und Digitaltechnologie, das Internet und virtual reality, machine learning und künstliche Intelligenz – all diese Themen sind längst kein Neuland mehr, sondern bereits tief in unseren Alltag eingedrungen. Der digitale Wandel wird in seinem Ausmaß von einigen Philosophen mit der Bedeutung des Buchdrucks oder der Industrialisierung verglichen.

Dieser Umbruch betrifft auch die Wissenschaft und zwar auf (mindestens) zweifache Weise: Einerseits verändern sich die Arbeitspraxis und -hilfsmittel, andererseits der Kanon der inhaltlich zu bearbeitenden Themen. Auch hier ist die Digitalität und Digitaltechnologie längst kein Neuland mehr und auch in den jüngsten Diskursen wurde/wird der Themenkomplex bearbeitet. Doch sowohl auf der Ebene des digitalen Arbeitens, als auch auf der Ebene der zu bearbeitenden Gegenstände hält sich die philosophische Forschung der letzten Jahre auffällig zurück (ganz anders die Soziologie und Medienwissenschaft). Dieses Zeugnis stellt auch Petra Gehring der Philosophie aus [https://digigeist.hypotheses.org/138], trotz – oder insbesondere durch – die Gegenüberstellung mit den Digitalen Geisteswissenschaften, die vor allem das Feld des digitalen Arbeitens in den historischen, Kultur- und Geisteswissenschaften institutionell erfolgreich etablieren konnten.

Inhaltlich scheint aber gerade die Philosophie die Wissenschaft schlechthin zu sein, um mit ihren Forschungsmethoden der Komplexität der Digitalität und den digitalen Phänomenen (die natürlich weit mehr sind als bloß technische Phänomene) gerecht werden zu können. Auf der Ebene der Arbeitstechniken täte die Philosophie gut daran ebenfalls sich mit digitalen Mitteln (Forschungsdaten, digitale Editionen, OER und digitaler Lehre etc.) auseinander zu setzen – nicht nur vor dem Hintergrund der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) die maßgeblich auf die Strukturierung der Wissenschaften in den nächsten Jahrzehnten Einfluss nehmen wird, sondern letztlich auch aus intrinsischer Motivation: Der technisch-digitale Themenkomplex und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft stellen einen reichhaltigen Fundus neuartiger Forschungsobjekte bereit, zudem eröffnet digitale Forschung Sichtbarkeits- und Vernetzungspotentiale mit katalysatorischen Wirkungen.

Zwar gibt es in der akademischen Philosophie Ansätze in dieser Richtung, allerdings sind diese verstreut und inkohärent. Die Zusammenführung und Konfrontation dieser Ansätze findet eher punktuell und zufällig auf einzelnen Konferenzen oder Journalthemenheften statt, weshalb uns die Gründung einer neuen AG in der DGPhil optimal erscheint: Eine Arbeitsgemeinschaft zur philosophischen Digitalitätsforschung im größten deutschen Interessensverband der Philosophie wird als Plattform und Forum fungieren, um Ansätze zu bündeln, den Austausch zu fördern, das Thema in den Kanon der deutschsprachigen Philosophie verankern, die wissenschaftliche Community sensibilisieren und einen zentralen Anlaufpunkt für dieses neue Forschungsfeld schaffen. Insbesondere aufgrund der immensen zeitlichen Taktung der technischen Entwicklungen im Digitalbereich kann es nicht angehen, dieses Feld philosophisch nur sporadisch zu bestellen – hier ist eine kontinuierliche Begleitung in Form ständiger Diskurse und Theorienentwicklung vonnöten: „Vorbehalte gegenüber digitaler Forschung werden, so scheint es, aus einem nicht unbedingt reflektierten Verdacht gegenüber Formen des digitalen Publizierens gespeist. Sie wären wohl nur durch beharrliche Aufklärung aufzulösen, die wohl zunächst den Weg über die Fachgesellschaften der Disziplin zu suchen hätte.“, so Stefan Heßbrüggen-Walter 2018 [http://www.zfdg.de/sb003_006]. Die neue AG versteht sich dabei nicht als Ersatz der bisherigen Technik- und Medienphilosophie, sondern als ihre systematische Erweiterung auf die neuen Phänomene der Digitalität hin.

Parallel zur Beantragung einer AG in der DGPhil versuchen die Initiatoren einen DFG-Antrag zur Etablierung eines wissenschaftlichen Netzwerkes einzureichen. Dies soll insbesondere einen Startimpuls geben, nicht zuletzt durch finanzielle Unterstützung mit der Tagungen, Workshops und Reiseunterstützung realisiert werden soll. Eine derartige Förderung ist allerdings zeitlich begrenzt (drei Jahre) und kann auch nur dem Aufbau eines Netzwerkes dienen – dieser Impuls muss über verstetigte institutionelle Strukturen aufgefangen werden, weshalb eine solche Doppelstrategie ideal erscheint.

Die AG setzt sich selbst die Ziele und Aufgaben das breite Spektrum digitaler Phänomene und die Bedingungen ihrer Möglichkeit (Binärlogik, Rechnerhardware, Vernetzung und Internet, Information, formale Sprachen, Software und Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Simulation und Virtuelle Realität, Human-Computer-Interaction, Ethik der Digitalisierung etc. pp.) auszuloten, zu konturieren und Begriffsbestimmungen, Relationierungen und Theoretisierungen aus dezidiert philosophischer Perspektive vorzunehmen. Die philosophische Ausdeutung informatischer Begriffe und die Beantwortung der Frage, ob für das Verstehen digitaler Phänomene bisherige philosophische Theorien und Begriffe ausreichen oder neue entwickelt werden müssen (und wie diese dann aussähen), stehen dabei im Zentrum. Gleichermaßen werden kursorisch und vielfach explorativ Möglichkeiten einer digitalen bzw. digital operierenden Philosophie erarbeitet. Dies erfolgt in virtueller verteilter Kollaboration über Mailinglisten und Telefonkonferenzen, sowie in persönlichen Treffen. Hierbei sind ein jährliches Treffen der AG als Jahreshauptversammlung zu nennen und darüber hinaus organisierte Arbeitstreffen in Gestalt von Workshops, Tagungen, World Cafés und Netzwerktreffen. Die Ergebnisse und Zusammenfassungen der Diskurse werden auf Konferenzen disseminiert und in Artikeln dokumentiert und publiziert (hierzu gibt es bereits Kontakt zum Metzler-Verlag, der die neue Reihe „Digitalitätsforschung“ in sein Programm aufgenommen hat). Dabei sollen dezidiert auch digitale Formen der Publikation wie z. B. Blogs genutzt werden. Weiterhin wird eine intensive Kooperation mit anderen AGs der DGPhil, insbesondere der Arbeitsgemeinschaft philosophischer Editionen (AGphE) angestrebt.

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